Marcinelle

 

                                                                  Bergwerk Bois du Cazier, Schacht Saint-Charles

 

Am Morgen des 8. August 1956 begaben sich 275 Kumpel unter Tage. Zu diesem Zeitpunkt ahnte wohl niemand, dass es für die allermeisten das letzte Mal sein würde. Nur 13 Bergleute konnten sich retten. Das Unglück spielte sich in 975 Meter Tiefe ab. Aufgrund eines Verständigungsproblems wurde ein Förderkorb mit hoher Geschwindigkeit in Bewegung gesetzt. Allerdings standen zwei Kohlewagen über und rissen einen Stahlträger mit. Stromkabel, Druckluft- und Ölleitungen wurden durchtrennt.

Sofort brach ein Feuer in dem Schacht aus. Die Katastrophe war kilometerweit zu sehen.

Die Rettungsarbeiten dauerten mehrere Tage an. Die letzte Leiche konnte erst im Dezember 1957 aus der Grube geborgen werden,  anderthalb Jahre nach der Brandkatastrophe. Die meisten Toten , 136 , kamen aus Italien, 95 Tote waren Belgier, 8 Polen, 5 Deutsche, 6 Griechen, 3 Ungarn, 3Algerier, sowie Bergmänner aus Russland, Ukraine, Niederlande, Frankreich und Grossbritannien. 204 Frauen wurden zu Witwen und 417 Kinder verloren ihren Vater. Erst wenige Jahre zuvor waren italienische Gastarbeiter zur Verstärkung in die belgischen Kohlebergwerke gekommen. Wegen der Katastrophe von Marcinelle beendete die Regierung in Rom das Zuwanderungsabkommen mit Belgien.

 

 

                                                                     Der Unfallhergang

Am Unglückstag, dem 8. August, versah der Anschläger seinen Dienst am Füllort der Sohle 975 . Seine Aufgabe war es, die aus den Strecken heranrollenden, mit Kohle gefüllten Förderwagen in den Förderkorb zu schieben.  Um 8.10 Uhr ließ der Maschinist, der über Tage die Fördermaschine bedient, den Förderkorb zur Sohle 975 hinunter. Da Janetta in diesem Augenblick keine gefüllten Wagen abzufertigen hatte, signalisierte er dem Maschinisten, er möge den Korb auf eine höhergelegene Sohle ziehen, wo wahrscheinlich gefüllte Waggons stünden. Der Maschinist ließ sich aber mit dem Heraufziehen Zeit und der vorübergehend beschäftigungslose Anschläger kehrte seinem Arbeitsplatz einige Minuten lang den Rücken.

Inzwischen rollten mehrere gefüllte Förderwagen heran. Der Italiener, der sie loskoppelte, rief vergeblich nach dem Anschläger und betätigte sich schließlich selbst als Anschläger. Als er den dritten Waggon in den acht Sätzen des Förderkorb schob, setzte der Maschinist über Tage, der den Förderkorb noch immer leer glaubte, den Korb endlich in Bewegung. In diesem Augenblick war jener dritte Waggon noch nicht ganz im Förderkorb. Das überstehende Wagenteil wurde von dem hochgehenden Korb gegen den Rand des Schachtes gerissen aus dem die Versorgungsleitungen (Elektrizitätskabel, Preßluftrohr) in die Förderstrecke abzweigten.

 Zunächst ging die Preßluftleitung zu Bruch, dann eine Ölleitung und schließlich das  3000-Volt-Elektrokabel, aus dem ein 80 Zentimeter langer Lichtbogen hervorschoß.

Als der Anschläger unmittelbar danach an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte sah er wie der Lichtbogen die mit Kohlenstaub verkrusteten hölzernen Spurlatten des Schachtes in Brand setzte. An den Spurlatten gleitet der Förderkorb auf- und abwärts. Der enge 74 Jahre alte Schacht von Marcinelle war ordnungsgemäß ausgemauert und nicht, wie es in einigen Berichten hieß, mit Holz verschalt.

Über Tage ahnte niemand, was in 975 Meter Tiefe geschehen war. Nur der Maschinist, der die Preßluftzufuhr kontrollierte wunderte sich über die plötzliche Druckverminderung in der Preßluftleitung. Er führte das Nachlassen des Druckes auf erhöhte Arbeitsintensität der mit Preßlufthämmern arbeitenden Kohlenhauer unter Tage zurück und drückte zum Ausgleich noch mehr Preßluft in die Leitung, so daß sich das mit Kohlenstaub, Holz und Öl genährte Feuer durch die Preßluft in rasender Geschwindigkeit ausbreitete.

Der Anschläger floh in den Wetterschacht, wo er sich auf dem zweiten Satz des Korbes retten konnte, der noch eine kurze Weile auf und abfuhr, um die aus den oberen Sohlen flüchtenden Bergleute ans Tageslicht zu befördern. Dann versagte auch dieser Förderkorb den Dienst und blieb im Wetterschacht stecken.

Inzwischen hatte sich das Feuer vom Förderschacht zum Wetterschacht hindurchgefressen. Es hatte die hölzernen Wettertüren zerstört,  die Flammen krochen die hölzernen Spurlatten hinauf, während die Brandgase durch eine schräge Querverbindung in die tiefste Fördersohle 1035 eindrangen, wo die meisten Kumpel in weit entlegene Stollen dieser Sohle flüchteten, bis sie das Brandgas doch erreichte.

 

Männer mit Gummiflössen und Schlauchbooten paddelten noch Tage auf einem unterirdischen See, der sich auf der 1035-Meter-Sohle in der belgischen Unglückszeche Bois du Cazier in Marcinelle bei Charleroi gebildet hatte. Die Taucher und Schlauchbootfahrer sollten die letzten hundert Leichen, die größtenteils im Wasser schwammen, aufs Trockene ziehen, in Gummisäcke verpacken und dann nach über Tage bringen, damit sie in einem Massengrab beigesetzt werden konnten das für die 262 Opfer der Grubenkatastrophe geschaffen wurde.

 

Während der letzten fünf Jahre ( 1951 - 1956 ) waren über 550 Italiener ,einschließlich der Opfer von Marcinelle, in den belgischen Gruben umgekommen

 

                                                                                       

                                                                                         Bilder-Show

                                                                                                                                                                          Archiv Hans Hulsteyn

 

 

 

 

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